Häuptling Jecker Hengst
aka Häuptling Fettiger Napf - Zwischen Kultur(en) und ihrer bloßen Aneignung
Der Meister in Paris (AD 1999)
Über den Weg hinauf zur Erkenntnis
Der Pfad - nicht nur steil und dornig
Ich sage meinen Schülern ja stets: Der Weg zur Erkenntnis, nun, der ist nicht nur steil und dornig. Das wäre zu einfach. Nein, dieser Weg ist zusätzlich links und rechts gesäumt. Er ist gesäumt von einer erstaunlich großen Anzahl an Fettnäpfchen. Und wir reden jetzt nicht etwa von diesen kleinen, eher dekorativen Vaseline-Tiegellein. Nein, wir reden schon von den größeren Behältnissen. Und zwar von denen, da wo so richtig schmieriges Zeugs drin ist. Es gilt: je größer und je ekliger der Napf, desto sicherer, dass man voller Überzeugung hineintritt.
Einer der ganz Großen unter den Näpfen, der trägt einen besonderen Namen:
kulturelle Aneignung
Und wenn wir da einmal mit dem Fuß drinnstehen, dann ist die unsere Lage… nennen wir es: ... äußerst unerquicklich.
Das Jahr des Pferdes
Nun begibt es sich, dass wir das Jahr 2026 schreiben, und sich das Jahr des Pferdes im chinesischen Tierkreis erneut jährt. Die chinesischen Tierkreiszeichen folgen, wie wir wissen, einem Zyklus von zwölf Jahren; Jedem Jahr ist ein eigenes Tier zugeordnet – mit eigenen Eigenschaften, Deutungen und Projektionen. Und wie das so ist mit solchen Zyklen: Irgendwann hat man das Gefühl, sie hätten etwas mit einem selbst zu tun.
Die Büchse der Pandora und der erste Schritt ins Fettnäpfchen

Und als ich jüngst, und zwar ohne Ziel oder Richtung, so kramte in meiner ganz persönlichen Büchse der Pandora, da trug sich etwas zu. Etwas, mir so wichtig, dass ich hier davon Zeugnis abgeben will.
Meine Büchse der Pandora, was ist das eigentlich? Nun, es ist nur eine kleine, ganz unscheinbare, einfache Kiste. Mit Fotos von mir drin. Etwa 30 x 20 Zentimeter groß. Außen drauf: der Union Jack. Warum diese Kiste existiert, warum genau welche Bilder darin sind, und warum man sie besser nicht zu lange offen lässt – das gehört jetzt nicht hierher. Nur so viel: Das meiste darinnen, es ist ausgesprochen privat.
Und irgendwie so beim Kramseln inmitten dieser "Erinnerungen", da halte ich plötzlich - sowie mir nichts und erst recht dir nichts - eine ganz besondere Fotografie in der Hand. Fast dreißig Jahre alt. Darauf: Wir vor dem Crazy Horse von Paris.

Wobei – wenn ich ehrlich bin – ist diese Idee gar nicht neu. Mein Onkel, der Helmut Lauterbach, der nannte sich früher - es war zu einer Zeit, in der wir uns sich über so manches eher weniger Gedanken gemacht haben - also da gab er sich den schönen Indianer-Namen:
Häuptling Lauter Bach
Und irgendwie blieb das beim Neffen (mir) hängen. Dieser Klang. Dieses Spielerische. Diese Selbstverständlichkeit, sich einfach einen Namen zu nehmen. Aber sehen wir uns vor. In genau diesen Momenten, da passiert es. Du gehst nicht mehr. Du trittst. Und zwar zielsicher mitten rein in oben erwähnten maximalen Fettnapf.
Die Sache mit den Namen
Das Kettenkarussell deiner Gedanken dreht seine Runden, die Suche nach dem Namen nimmt Fahrt auf; Fahrgäste nehmen Platz, sie kreisen, manche schaffen keine ganze Umdrehung andere klammern sich fest, speien Zuckerwatte. Der Mann aus der Geisterbahn kommt hinüber und flüstern dir ins Ohr:“Hey, mein Freund, Du suchst keinen Namen. Du suchst eine Vorstellung.“ Ein Bild wabert im Kopf, zusammengesetzt aus Filmen, Geschichten, Halbwissen. Name.. Name.. Irgendwas mit „Häuptling“. Irgendwas mit „Pferd“. Aber während du noch dabei bist, das zusammenzusetzen, wird iwie klar: Das gehört dir doch alles nicht.
Lasst uns Innehalten
Und hier da lohnt es sich, stehenzubleiben. Die Kulturen, aus denen diese Bilder stammen, sind keine Projektionsfläche. Sie haben eigene Begriffe. Eigene Strukturen. Eigene Bedeutungen. Beim Indianer beispielsweise, da gab es nicht bloß universelle „Häuptlinge“ und „Indianer“. Da gab es Rollen. Je nachdem obs Krieg oder Friede ist. Krieger und Friedenshüter. Menschen mit Verantwortung innerhalb eines konkreten Systems. Und du stehst da, mit deinem halbfertigen Wortspiel, und merkst, dass du gerade dabei bist, etwas zu vereinfachen, was ebent nicht einfach ist.
Der Moment der Kurskorrektur
Der Wende-Punkt. Ich kann jetzt versuchen, weiter auf dem Kopfgaul meine Prärie zu queren und es - Galopp Hopp Galopp - „zum Ende zu reiten “. Noch ein bisschen weiterdenken. Noch ein bisschen den Kopf zerbrechen... Oder, ich tue etwas anderes. Ich lasse es.
Ich steige ab und lege die Zügel aus der Hand sowie beiseite.
Ich hocke mich hin, zünde mir vielleicht ein kleines Pfeifchen an. So zur Entspannung.
Ich sammele, indem meine Hände ziellos am Boden herumfuhrwerken, ein paar von den dort wild wachsenden Pilzen und Kräutern auf. Und rauche die gleich mit. Einfach so, weil mir danach ist.
Mein Blick geht viellecht weit in die Ferne.
Oder er schweift dem gerade davontrabenden Pony hinterher, ganz gleich..
Tohuwabohu
Und - Zong! - irgendwo zwischen all dem taucht plötzlich ein anderes Wort auf. Tohuwabohu. Kein Indianisch. Kein Zitat. Keine geliehene Bedeutung. Sondern ein altes Wort für das, was hier gerade passiert ist: Chaos. Unordnung. Ein sehr persönlicher, sehr menschlicher Denkprozess.
Alles fügt sich
Und plötzlich wird aus dem Problem eine Lösung. Nicht, indem wir etwas (über-) nehmen. Sondern indem wir etwas zulassen.
Mein Friedensname sei:
Kanasó Rono Tohu Wa-Bohu.
Ernst und Respektvoll, eine Verneigung.
Kanasó·rono (Mohawk, Haudenosaunee) bezeichnet sinngemäß eine friedenswahrende, ordnende Instanz im Kontext des „Great Law of Peace“, also eine Rolle, die auf Ausgleich, Vermittlung und strukturelle Stabilität innerhalb eines konsensbasierten Systems ausgerichtet ist. Hierarchisch nicht zwingend ganz weit oben; Durchaus auch hinab bis fast ganz unten etwa Level "Gruppenleiter", falls ihr wisst, was ich damit sagen will..
Tohuwabohu andererseits entstammt dem Hebräischen (tohu wa-bohu) und erscheint in Genesis 1,2; es beschreibt den Zustand der wüsten Leere vor der göttlichen Ordnungsschöpfung und fungiert in der christlich geprägten Rezeption als Chiffre für prä-kosmisches Chaos.
Die Lehre
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Der Weg zur Erkenntnis ist nicht nur steil und dornig. Er ist gesäumt von Momenten, in denen wir merken, dass wir gerade auf dem falschen Weg sind. Und genau dort, zwischen Fettnapf und Rückzug, entsteht manchmal etwas Eigenes. Wenn wir nur bereit sind, nicht zu erzwingen, sondern einfach mitzunehmen, was wir unterwegs finden.
In diesem Sinne: Peace! - oder: Skennen! – wie die Mohawk sagen.